Dienstag, 4. August 2026

August 2026: 6 x Literatur als Radiokunst in der Ö1-Sendung „Blaue Stunde“

 

Logo Literatur als Radiokunst © Martin Breindl

 

Im August 2026 präsentiert die Ö1-Reihe „Blaue Stunde“an drei Terminen (17.08./24.08./31.08.) die Reprisen von insgesamt sechs Produktionen der Reihe ‘Literatur als Radiokunst’ aus dem ORF-Kunstradio

 

Geschichte/Grundlagen: Text Open Access

Aus diesem Anlass habe ich den 2015 publizierten Essay „Hörstücke, die für sich sprechen: 15 Jahre Literatur als Radiokunst im ORF-Kunstradio“ sanft adaptiert sowie auf dem Portal ResearchGate als Open Access-Quelle zur Verfügung gestellt.  

 

Literatur als Radiokunst, 1999–2015

Die Reihe Literatur als Radiokunst wurde 1999 von der Schriftstellerin Liesl Ujvary ins Leben gerufen und von 2001 bis 2015 von Chris Zintzen kuratiert und produziert. 

Mehr als 60 Autor*innen und Künstler*innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben für diese Reihe Originalwerke der experimentellen Radiokunst geschaffen, darunter etwa  Ann Cotten, Franz Josef Czernin, Oswald Egger, Nora Gomringer, Elfriede Jelinek, Christian Loidl, Franz Mon, Monika Rinck und Kathrin Röggla. Ein umfangreicheres Archiv zur Reihe ist in Arbeit. 

 

Ö1 „Blaue Stunde“: Termine, Sendungen, Einzelproduktionen

01 | Stimme und nichts als die Stimme 01 — Blaue Stunde, Radio Österreich 1; Mo, 17.08.2026, 21:00 Uhr

  • Elfriede Jelinek/Josef Klammer: „Ikarus“ (2004) 
  • Liesl Ujvary: „bad sector“ (2001) 

Mit einem aktuellen Kommentar, Gestaltung: Philip Scheiner unter Mitarbeit von Marie-Christin Spatzek 

02 | Stimme und nichts als die Stimme 02 — Blaue Stunde, Radio Österreich; Mo, 24.08.2026, 21:00 Uhr

  • Anja Utler: „suchrufen, taub“ (2007) 
  • Richard Obermayr: „stillgelegt“ (2009) 

Mit einem aktuellen Kommentar, Gestaltung: Philip Scheiner unter Mitarbeit von Marie-Christin Spatzek 

03 | Stimme und nichts als die Stimme 03 — Blaue Stunde, Radio Österreich 1; Mo, 31.08.2026, 21:00 Uhr

  • Ann Cotten: „parkbank“ (2007) 
  • Jürgen Berlakovich: „Selfcompiler. Ein SprachSoundScape“ (2012) 

Mit einem aktuellen Kommentar, Gestaltung: Hans Groiss unter Mitarbeit von Marie-Christin Spatzek 

Die Sendungen werden via ORF.sound mindestens 30 Tage lang on Demand abrufbar bleiben.

Ö1 Blaue Stunde

 

 

 

 


 

Mittwoch, 28. Januar 2026

Erschienen: Nieder mit den Schloten und Elfenbeintürmen! / Ich bin Bewohner*in des Narrenturms, Berlin: Moloko 2026

 

Nieder mit den Schloten und Elfenbeintürmen! Über Literatur und Narrentum, Kitsch und Subjekt. 

In: Ich bin Bewohner*in des Narrenturms, hg. v. Thomas Antonic u. Ulrike Tauss. Berlin: Moloko Print 2025, 23–27.

 

Ich bin Bewohner*in des Narrenturms, hg. v. Thomas Antonic u. Ulrike Tauss. Berlin: Moloko Print, 2026

Unter dem vielschichtig deutbaren Slogan der Handke-Modifikation „Ich bin Bewohner*in des Narrenturms“ hatten Ulrike Tauss und Thomas Antonic am 21. September 2023 insgesamt 26 Autor*innen zu einer Lesung oder Performance in den Narrenturm geladen, dorthin also, wo die pathologisch-anatomische Schausammlung des Naturhistorischen Museums Wien untergebracht ist. 

Seit ich diese Institution zuletzt im Jahr 2002 besucht habe, ist der gedrungene Bau erfreulich schonend restauriert und wohl auch manche Sammlung neu geordnet worden. Verschwunden sind jedenfalls jene offenbar (noch) nicht zu Schauzwecken arrangierten Organ- und Feuchtpräparate, die in Dutzenden neutral-ovaler Malereimer im Rund- und Verbindungsgang zwischen den Zellen abgestellt waren.

Der damals verwahrloste und kaum ausgeleuchtete Komplex, von dem sich in meinem Archiv ein paar naturgemäß unterbelichtete Schwarzweiß-Fotografien erhalten haben, wurde zu Zeiten als Inbild des „abseitigen Wien“ gehandelt, unter Berücksichtigung von Michel Foucaults Denkansätzen als Ort der „Infamen Menschen“ traktiert oder alternativ im Sinne des in Überwachen und Strafen formulierten Panoptismus wahrgenommen. [...]

Zentripetal, zentrifugal 

Als Bildsujet zur Veranstaltung wurde der Große Turmbau zu Babel von Pieter Bruegel dem Älteren aus dem Jahr 1563 gewählt. 

Der fantastische, spiralig ansteigende und nach innen sich verdichtende Bau mit den zahlreichen Fensternischen illustriert die Hybris eines totalen Projekts im Sinne einer kulturellen (oder auch individuellen) Implosion. 

Dieser unheilvoll zentripetale Vektor korrespondiert in umgekehrt proportionaler Relation mit der zentrifugal-explosiven Dynamik dessen, was biblisch-mythologisch als „Babylonische Sprachverwirrung“ überliefert ist und im Babelsprech der aneinander nicht interessierten Individualsprachen der Fall – auch der Literatur – sein kann. 

Im Unterschied aber zu Breugels atemberaubender Fantasie weist der reale Wiener Narrenturm – Josef Gerls Rundbau aus dem Jahr 1784 – ein leeres Zentrum auf, an welchen der volkssprachliche Begriff des „Guglhupf“ erinnert. Der diametrisch in das Rund des Gebäudes platzierte Einbau eines Wärter-Traktes könnte symbolisch äquivalent zur Selbstreferenz von Institutionen gesehen werden. [...]

Metapher, kalibriert 

Wir sehen die Äquivalenz des leeren Zentrums („im Mittelpunkt der Mensch“) des Wiener Narrenturms sowie des als konzentrischer Masseschluss implodierenden Bruegelschen Gebäudes und erkennen auf einen Blick die Gefahr, die gedanklich von Metaphern ausgehen kann: Wo diese nicht durch mögliche Gegenbilder in Schwebe und in einem durchdachten Equilibrium gehalten werden, stellen sich „Tendenz“ oder „Kitsch“ ein. 

Dies gilt insbesondere für die Dispositive der Schwarzen Romantik, des elegischen Ästhetizismus und für die Glorifizierung des „Abseitigen“, die nicht zufällig historisch und topologisch mit der Hypostasierung von Subjekt und Individuum im 19. Jahrhundert aufgekommen sind. 

Schlote, Elfenbeintürme, Kitsch 

Wo die Elfenbeintürme dieser Welt nicht denkbar sind ohne die ihnen ursächlich vorausgehenden Fabrikschlote, wäre – wie wir heute erkennen – nur in der Schleifung beider ein Schritt in Richtung einer Rückbesinnung des Homo sapiens auf eine weniger vernichtende Auswirkung seiner Spezies auf diesen Planeten zu erlangen.

Gerade die Psychiatrie und deren metaphorischer Hof repräsentieren als Topos des Unheimlichen in der Moderne eine gewaltige Verführung zu gedanklichem (und literarischem) Kitsch. – Wer hätte angesichts der groben Einzelzellen des josephinischen Baus nicht etwa, einem vorübergehenden kokett-sentimentalischen Impuls folgend, an die wohlvertrauten Schreib-Einsamkeiten gedacht und an die situativen Verzweiflungen dieser paradox einsamen und öffentlichen Existenz? [...] 

 

 

 

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Montag, 17. November 2025

Erschienen: Essay zu Barbara Köhler, Schriftstellen (Suhrkamp)


Barbara Köhler bei der Produktion ihres Hörstücks „Echos Quelle“ im ORF-Studio. Ursendung: 11.07.2006, „Literatur als Radiokunst“ im ORF „Kunstradio“. Foto @ Zintzen 2006, abgedruckt in die horen Andreas Erb, Christof Hamann (Hg.): «‹Was warten ist›»: Garten der Wörter — ein Florilegium für Barbara Köhler«. die horen 286 (2022).

Barbara Köhler bei der Produktion ihres Hörstücks „Echos Quelle“ im ORF-Studio. Ursendung: 11.07.2006, „Literatur als Radiokunst“ im ORF „Kunstradio“. Foto @ Zintzen 2006, abgedruckt in Andreas Erb, Christof Hamann (Hg.): «‹Was warten ist›»: Garten der Wörter ein Florilegium für Barbara Köhler«. die horen 286 (2022).

 

Rede in Osmose

 

[...] Diese Rezension der Edition einer Anthologie von Texten einer wertgeschätzten Autorin kann nicht der Ort einer angemessenen postumen Würdigung sein. Gleichwohl sei daran erinnert, mit welcher Virtuosität Barbara Köhler die Rede in Osmose mit verschiedensten Sprachen und Idiomen versetzte. Solcherart sprengte sie unerwartete, unerhörte und flimmernde Sinnebenen frei, ohne diese freilich mit dem Zement einer vorgefassten «Botschaft» abbinden zu wollen. 

 

In mannigfaltigen Explorationen unterzog sie jedwedes Schreiben und Sagen einer angewandten Materialprüfung, deren prozedurale Iterationen für Lesende und Hörende überraschende und erhellende Erkenntnisse zeitigten. Was die Dichterin Anja Utler in ihrem Nachruf zutreffend als «Levitationen» bezeichnet hat, ankert wohl insbesondere in Barbara Köhlers immenser poetischer Potenz, Sprach- und Dichtkunst auf die Stufe des Reflexiven, Relationalen und Rekursiven zu heben.

 

Ich habe das Sagen nicht. Ich lasse es 

mir gesagt sein mir gefallen Wendungen

die verwandeln [...] (Entpuppung)

 

Für Lesende und Hörende öffnen Köhlers rhythmisch und melodisch akzentuierten Texte einerseits einen hinreißenden ästhetischen Genuss. Zugleich erzeugen die unmittelbar in die Sprach-, Form- und Lautgebung eingewirkten Polysemien, Umspringbilder und Kippmomente ein hoch aufgeladenes elektrisches Feld kompossibler Semantiken, deren Valenzen die — zumeist auf kürzere Textformen bedachte — Künstlerin sorgfältig in Schwebe zu halten verstand. 

Barbara Köhlers Œuvre bringt Literatur und Metaliteratur (als angewandte Reflexion der literarischen Praxis) ebenso zur Deckung wie Sprache und Metasprache im Sinne einer poetisch realisierten Sprachreflexion und -kritik.

 

Erkenntnismomente 

 

Dieses Werk beläuft sich in keinem papierenen ästhetischen Selbstzweck, sondern es äußert sich jener universale Witz, der sich — ob still schmunzelnd oder in homerischem Gelächter — von Erkenntnismoment zu Erkenntnismoment voranjubelt: Barbara Köhlers Esprit stiftet Begeisterung, und zwar genau dort, wo die Einsicht in die Mediokrität (und Korrumpierbarkeit) der Medien am größten ist. 

 

Ob Sprache oder Grammatik, Schreibmaschine oder Internet, ob die window-gleichen Darstellungsmetaphern am PC oder die Glasfronten von Galerieräumen: Das Gemacht-Sein (Heideggers entfremdeter «Gegenstand») all dieser Instrumentarien, Medien oder gar Prothesen wird aktiv und geistreich reflektiert. Es sind jene im Band Blue Box benannten «triste[n] Kiste[n]» der medialen Materialität, die Barbara Köhler geistesgegenwärtig durch die Filter von Poesie, Philosophie und Witz zu gebrauchen und gleichzeitig zu überwinden verstand. [...]

 



Triste Kiste: Ein verlegerischer Schnellschuss redet Werk und Leben der Schriftstellerin Barbara Köhler klein. Wespennest 189 (November 2025), S. 100–102. (Link zum Inhaltsverzeichnis | Link zur Zeitschrift)

 

 


 

Dienstag, 29. April 2025

Termin 06.05.2025: LinienGewächsHaus, Eröffnung

 

Ausstellung Liniengewächshaus



Renate Frerich | Sybille Hassinger

LinienGewächsHaus 

Ausstellung/Installation  


Eröffnung: Dienstag, 06.Mai 2025, 19:00 Uhr

Vorwort: Gue Schmidt (projektraumMAG3)

Zur Ausstellung: Chris Zintzen 


„Hier Zeichnung und Drahtskulptur, dort Fläche, Form und Farbraum: so distinkt Renate Frerichs und Sybille Hassingers Ansätze und Gestaltungen zunächst anmuten, so sehr eint sie aber doch eine jeweils individuelle und systematische Herangehensweise, die das Jetzige und das Spontane im Rahmen einer umrissenen Methodik praktiziert.

Kunst der Form

Viktor Sklovskij, der ebenso große wie sympathische Theoretiker des Russischen Formalismus, hat — ursprünglich auf die Literatur gemünzt — in den 1920er Jahren konstatiert: Kunst entsteht alleine in der Auseinandersetzung mit dem Material und aus der Bändigung des Materials durch die Form.

Und genau diese konsequente Arbeit am jeweiligen Material und die jeweils individuelle Herausentwicklung einer unverkennbar-signifikanten Form ist den heute vorgestellten Künstler*innen Renate Frerich und Sybille Hassinger gemeinsam.

Diese Arbeiten geben in ihren jeweiligen Dialektiken von Fläche und Tiefe, von Form und Aussparung äußerst wertvolle Anregungen vor, die sich gedanklich in mannigfaltige Richtungen weiterentwickeln lassen. Ob mathematisch oder geometrisch, ob dimensional oder prozedural: Kunst zeigt ihren Wert gerade im methodischen Surplus zu einem rein ästhetischen oder gar dekorativen Effekt.“ (czz, Auszug)

Weiteres: https://www.nammkhah.at/Mag3/LinienGewaechsHaus_D.html

Samstag, 22. Februar 2025

Termin 10.03.25 | Gert Jonkes Hörfunk/en | Alte Schmiede, Wien


Montag, 10. März 2025, 19 Uhr
Gert Jonkes Hörfunken 

 



Cornelia Hülmbauer, Martin Kubaczek, Chris Zintzen hören Gert Jonke 

Beiträge mit akustischen Zitaten, Diskussion. Moderation Annalena Stabauer im Rahmen der Reihe Hör!Spiel!

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Cornelia Hülmbauer, Martin Kubaczek, Chris Zintzen präsentierten Hörspiele nach Texten des wunderbaren Gert Jonke in der Alten Schmiede. Unter kundiger Moderation Annalena Stabauers, die in Kooperation mit mehreren ARD- und ORF-Funkhäusern einen fulminanten Schatz von Archivmaterial zusammengetragen hat, durften wir Produktionen aus den Jahren 1971 bis 2004 in signifikanten Ausschnitten präsentieren und diskutieren. – Gerade im Hörspiel tritt die Besonderheit eines „Erzählens zweiten Grades“ bei diesem Autor hervor, das Cornelia Hülmbauer sehr treffend mit dem Begriff der „Deckerzählung“ charakterisiert hat.

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Diskurs in der Fuge höherer Ordnung – Auditive Realisationen von Texten Gert Jonkes (Chris Zintzen)

]

Es ist, als habe Gert Jonke bereits früh einen Trick, eine Fuge oder einen Spalt des Auswegs gefunden, um einen Weg / eine BeWEGungsmöglichkeit / aus dem Labyrinth von sprachkritischen Aporien zu bahnen.

Er steigt 1. aus der Zumutung der real existierenden und als unerträglich markierten Verhältnisse aus, indem er – mit rein sprachlichen Mitteln – Sachverhalte aus dem Hut der Imagination hervorzaubert und diese sodann handkehrum wieder verschwinden lässt.

Und 2.: Indem der Autor einen grammatikalischen MODUS SURREALIS konstruiert, befreit er sich aus der Zwangsjacke des Referenziellen. Der Weg in eine distinkte eigene Sprach-Bild-Wirklichkeit ist damit frei.

Vermutlich ist die Aufmerksamkeit heuristisch ertragbringend auf einerseits die Rhythmik des Rhemas und anderseits insbesondere der textlichen Wortwörtlichkeit zu richten: Eine solche Glashausbesichtigung wird im Modus der tautologischen Absurdität einen höchst reflektiert autopoietisch agierenden Schriftsteller wahrnehmen. 

Versteck im Offensichtlichen


Das Groteske spielt dabei eine dialektische Doppelrolle: Hier die konsequente Durchdeklination eines poetischen und/oder gedanklichen Prinzips – dort eine Ablenkung/Ausleitung, die den existenziellen Ernst dieses Spiels kaschiert.

Entsprechend wäre die Prosa Gert Jonkes noch einmal neu nach dem Modell von Edgar Allan Poes The purloined Letter zu lesen: Das Offensichtliche ist deckungsgleich mit dem für versteckt gehaltenen Gesuchten. In der akustischen Realisation bzw. in der hördramatischen Aufbereitung der Prosatexte kommt dieser faszinierende Aspekt der Jonke'schen Prosa ganz besonders zum Tragen. – 

Aufschlüsse im Auditiven


Da die germanistische Forschung weiterhin weitgehend buchbasiert erfolgt, entgehen der Fachrezeption und -diskussion wertvolle Aspekte. Auch im Rückblick auf 15 Jahre Produktion und Realisation der Reihe Literatur als Radiokunst (ORF Kunstradio) mit rund 60 avancierten zeitgenössischen Autor*innen ist eine gewisse Trägheit der Literaturwissenschaft festzustellen: Es sieht so aus, als möchte diese Wissenschaft in ihrem Papierturm nicht weiter gestört werden.

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Cornelia Hülmbauer, *1982; Autorin, Sprachwissenschaftlerin. Zuletzt (u.a.): oft manchmal nie. Roman (2023).

Martin Kubaczek, *1954 in Wien, Autor, Literaturwissenschaftler, Violinist. Zuletzt: Die Süsze einer Frucht. Pflanzenikonen (2018; m. Rosemarie Hebenstreit).

Chris Zintzen, Autor, Kulturwissenschaftler in Wien. Zahlreiche Arbeiten zur Hörkunst, 2001–2015 Kurator/Producer der Reihe Literatur als Radiokunst im ORF-Kunstradio.
 

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Vgl. Hoerspielkritik.de  

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Donnerstag, 11. Juli 2024

Theater der Objekte, Ordnung der Phänomene. Zu Christine Ulms Ausstellung „Vom Wurzeln, Grünen, Blühen, Fruchten“ im kunsthaus muerz


 

Christine Ulms Ausstellung „Vom Wurzeln, Grünen, Blühen, Fruchten“ im kunsthaus muerz. Foto © Ivan Bandic


Chris Zintzen: Theater der Objekte, Ordnung der Phänomene.

Zu Christine Ulms Ausstellung „Vom Wurzeln, Grünen, Blühen, Fruchten“ im kunsthaus muerz

 

Mit Fotografien der Ausstellung von Ivan Bandic


                                            Ausstellungstext

                                            kunsthaus muerz

                                             Archiv: C. Ulms Traumstation 2022 


Die Bildhauerin Christine Ulm hat für uns hier im kunsthaus muerz eine künstliche Welt aus natürlichen Dingen und eigenen skulpturalen Objekten zusammengetragen. Die Künstlerin geht mit dieser Inszenierung sozusagen durch die Bücher ihrer über Jahrzehnte zusammengetragenen botanischen Sammlungen. Kontrapunktisch gesetzte und eigene skulpturale Anverwandlungen runden das Bild eines ebenso stetigen wie leisen, immer aber forschenden und sorglichen Dialogs mit den Phänomenen der Welt.

Vorliegende Ausführungen mögen in der Folge etwas konturieren, das man vielleicht nicht auf den ersten Blick sieht: die Diskretion des künstlerischen Gestus. In dieser Diskretion liegt eine besondere Charakteristik von Christine Ulms künstlerischen Verfahren, die den plakativ subjektiven und expressiven Gestus sehr bewusst umgeht. 

 

Metamorphose

Es ist, als würde Christine Ulm mit dieser Schau VOM WURZELN, GRÜNEN, BLÜHEN, FRUCHTEN jener Idee einen Raum geben, die besagt: Die Welt ist vollständig, wir müssen dieser Welt nichts hinzufügen, sondern können die bestehenden Phänomene – am besten in pfleglicher Weise – als Spielmaterial für unser Wahrnehmen, Denken und Ordnen heranziehen. Die Wahrnehmung dieser Vollständigkeit der Naturdinge und das Staunen über deren Perfektion sind durchaus geeignet, die Implikationen nicht nur der eigenen künstlerischen Kreation kritisch zu prüfen: Immanent und konsequent kommunizieren Christine Ulms sorgliche Sammlungen die deutliche Infragestellung der menschlichen Schöpfungshybris vor dem Hintergrund der human verwüsteten Ökosysteme dieser Welt.

Christine Ulm kontert den egozentrisch-lärmenden prometheischen Wahn durch eine künstlerische Wahrnehmung, die allen im Titel genannten Phasen im Lebenslauf einer Pflanze Rechnung trägt, dem WURZELN, GRÜNEN, BLÜHEN und FRUCHTEN. Dies meint „Evolution“ statt „Revolution“ oder gar „Disruption“ (ein Lieblingsbegriff populistischer Polit- und technologischer „Nach-mir-die-Sintflut“-Strategen). Ein solcherart evolutionäres Perspektiv vermag das Prinzip von Veränderung bzw. Verwandlung (Metamorphose) zu integrieren, die jedem Naturding – auch uns selbst – beschieden ist.

Ein derart metamorphischer Ansatz kann auch in der Konzeption und Realisation des eigenen Werks beweglich und flexibel bleiben: Und so hat sich Christine Ulm im Laufe der jüngeren Vergangenheit auf die Inszenierung von temporären Versuchsanordnungen im Rahmen von Ausstellungen spezialisiert.

Indem sie Dinge sammelt und auswählt, präpariert und inszeniert, hat sich die Künstlerin zusehends von der engen Idee des einmaligen, konkreten physischen Werkstücks (vulgo Skulptur oder gar Kunstwerk) emanzipiert, um sich sukzessive einer Form der diskreten Inszenierung mit Aspekten der Sozialen Skulptur zuzuwenden. Solcherart wird aus dem Werk-Stück ein Werk-Raum, der – hier sei eine Begrifflichkeit vorgeschlagen – als Diskretes Theater der Objekte fungiert.

 

Ausstellung als Diskretes Theater der Objekte

Sie werden sich gewiss an die Schau Weitergeben (2021) in diesem Haus erinnern: Damals ordnete die Künstlerin Werkzeuge und andere Gegenstände aus Nachlass und Garten des Vaters in den Ausstellungsräumlichkeiten an. Die künstlerische Geste bestand damals nicht nur in der Auswahl und Anordnung der Objekte, sondern in der Ermunterung an die Ausstellungsbesucher*innen, aus dieser Sammlung nun ihrerseits Objekte auszuwählen – und mit nach Hause zu nehmen. Die Modalität von „Kunst“ besteht in dieser Situation im Gestus und im Vollzug von „Gabe“, „Weitergabe“ und „Geschenk“.

Ähnlich direkt nahm die Künstlerin auf die Ausstellungsbesucher*innen Bezug, als sie 2022 im Wiener Projektraum Mag3 das Environment einer Traumstation arrangierte: Auch in diesem Zusammenhang inszenierte die Künstlerin mit sparsamsten Mitteln – der Positionierung alltäglicher, allerdings künstlerisch diskret präparierter Gebrauchsgegenstände  – einen Traumraum,  welcher die Betrachtenden in deren eigene Fantasiewelt entführte.[1]

Das angesprochene „Leise“ oder „Taktvolle“ dieser Inszenierungen meint einerseits den nachdenklich-kontemplativen oder gar forschend-untersuchenden Zug, der diesen Arrangements innewohnt. Als Auf- und Ausstellung von Gegenständen unter Verzicht auf starke Effekte bleibt dieses „Theater“ ein wohltuend ruhiges: Solcherart mag der von der Künstlerin subtil gestaltete Raum dazu beitragen, neue Räume in der Wahrnehmung der Betrachtenden emergieren zu lassen.

 

Erschließende Subjektivität

Hervorzuheben ist das Bekenntnis der Künstlerin zur Subjektivität – zu einer Subjektivität freilich, die das Wort „ich“ nicht als Besonderheit vermarktet. Christine Ulm bringt die eigene Subjektivität, ihr Erleben und Erinnerung auf einen Punkt, den sie mit uns allen teilt: Berührbarkeit, Belangbarkeit und Sorglichkeit. Auf diese Weise kann Christine Ulm „ich“ sagen und Persönliches zeigen, ohne uns Betrachtende durch Bekenntnishaftigkeit oder Indiskretion zu belasten.

Wenn die Künstlerin in dieser Ausstellung etwa eine von deren Vater im Zuge von Wanderungen aufgenommen Alpen-Blumen als Dia-Serie zeigt, können wir diese „Found Footage“ aus Privatbestand im Sinne eines in seiner Aussagekraft über das nur Private hinausreichenden Dokuments beachten: Das mediale Dokument trägt – darin übrigens den historischen Pflanzenpräparaten verwandt – einen historischen Index, vermag also auch mit seinen motivischen, ästhetischen und medienspezifischen Eigenschaften aussagekräftig zu sein. 

Die Fotografien und Schriften, Aufzeichnungen und Artefakte mögen – als etwas menschlich Gemachtes, Hergestelltes und Fabriziertes – prima Vista eine Differenz zum pflanzlich Gewachsenen, Erblühten oder Gefruchteten aufweisen. Vielleicht aber wäre es allerdings an der Zeit, die überlieferte Opposition von „Natur“ und „Kultur“ zugunsten einer realistischeren und produktiveren Perspektive zu revidieren.

Denn wenn wir beginnen, den Naturcharakter des von uns Hergestellten – nämlich, Objekt von Veränderungsprozessen (Alterung, Korrosion, Zersetzung) zu sein –, ebenso in unser Denken miteinzubeziehen wie die Anerkennung jener „Leistung“, die eine Pflanze im Laufe eines Lebenszyklus‘ vollbringt, würden wir vielleicht nicht so achtlos und ausbeuterisch mit den Naturdingen umgehen und nicht derart fragwürdige und schädliche Dinge produzieren.

 

Christine Ulms Ausstellung „Vom Wurzeln, Grünen, Blühen, Fruchten“ im kunsthaus muerz. Foto © Ivan Bandic

 

Sammlung: Serielle Muster und immanente Kritik

Die über vier Jahrzehnte und drei Klimazonen hinweg aufgelesenen Kollektaneen der Bildhauerin machen den gesellschaftlichen Wert von Kunst als Medium der Welterschließung und -ordnung sinnfällig. Kompetenz entsteht auf dem Wege des systematischen In-den-Blick-Nehmens und des Wahr-Nehmens: Partikel und Phänomene ordnen sich zu Mustern. Ein solches Muster-Bilden und die daraus resultierende Serialität sind von hohem ästhetischem Reiz, erzählen aber auch Geschichten und vermitteln Erkenntnisse. Dies geschieht, wohlgemerkt, nicht laut und spektakulär, sondern diskret, vielstimmig und: in der Wahrnehmung der Betrachtenden.  

Wir kennen Walter Benjamins melancholisches Argument, dass weder Leben, Wissen, Werk noch Sammlung jemals zu einem Ende oder zu einer vollständigen Erfüllung kommen können. Wir wissen aus den Schriften dieses Autors und Kulturphilosophen aber auch, dass Benjamin – selbst leidenschaftlicher Sammler – die Marx’sche Analyse der kapitalistischen Akkumulation wiederholt im Zusammenhang mit dem Thema des Sammelns in seinem Passagen-Werk notierte. Gerade dieses im französischen Exil und in oft verzweifelter Lage entstandene Werk belegt, wie Benjamin den weltwachen und differenzierungsfreudigen Sammlerblick in eine stupende Fähigkeit der Wahrnehmung und Formulierung von Phänomenen transformierte. Die Attitüde des Sammelns gelangte solcherart zu einer besonders geschulten, schöpferischen und philosophischen Fruchtbarkeit. 

Übrigens teilt auch die Künstlerin Christine Ulm die oben angesprochene kritische Wahrnehmung und Reflexion einer in der westlichen Welt längst zerstörerisch gewordenen Überkonsumption an Waren, Ressourcen und „Natur“. Ulms Gegenentwurf liegt hier vor ihnen in den Vitrinen und auf der Hand: Es ist das Sammeln, das Verarbeiten, das Genieß- und Haltbarmachen von allem, was da sprießt und wächst.

 

Kunst und Kochen als Gabe

Denn das Kochen funktioniert ja ein Stück weit wie die Kunst: Wir sammeln und bearbeiten Objekte der äußeren Welt und initiieren eine Verwandlung. So, wie die Kunst Anschaulichkeit produziert und uns zu Erkenntnissen leitet, so geschieht beim Einkochen eine Metamorphose von Fallobst, Wildbeeren, Samen und Stängeln in etwas kulinarisch Schmackhaftes und physiologisch Nahrhaftes. Die Künstlerin als derart kulinarische Zaubernde ist in dieser Schau mittels eines kleinen Kochbuchs sowie in einem Video präsent, das sie bei der Zubereitung von Bitterorangen zeigt. 

 

Aber da ist noch etwas anderes, was Kunstproduktion und Kochen verbindet: So, wie Gekochtes, Verarbeitetes oder haltbar Gemachtes erst durch das Essen und Teilen und Weitergeben Sinn stiftet, genauso vollendet sich eine künstlerische Versuchsanordnung erst durch dessen Betrachterinnen und Betrachter. 

 

In diesem Sinne sei die Ausstellung nun für Sie, werte Anwesende, eröffnet.



[1] Vgl. C. Zintzen: Christine Ulms ‚Traumstation‘ oder: Nachrichten von der Rückseite des Mondes, 22.10.2022, DOI: 10.13140/RG.2.2.33490.43208, https://www.researchgate.net/publication/368477440_Christine_Ulms_Rauminstallation_Traumstation_oder_Nachrichten_von_der_Ruckseite_des_Mondes










Donnerstag, 27. Juni 2024

Termin: C. Ulm – Vom Wurzeln, Grünen, Blühen, Fruchten – kunsthaus muerz, 29.06.2024

 



 

 ➾ Druckfassung des Einleitungstextes: Theater der Objekte, Ordnung der Phänomene. Zu Christine Ulms Ausstellung „Vom Wurzeln, Grünen, Blühen, Fruchten“ im kunsthaus muerz

➾ Archiv: Traumstation oder: Nachrichten von der Rückseite des Mondes. Zu Christine Ulms Environment im Projektraum Mag3 (Oktober 2022). 


Ausstellung: Christine Johanna Ulm

VOM WURZELN, GRÜNEN, BLÜHEN, FRUCHTEN

kunsthaus muerz. Eröffnung: 29.06.2024, 16 Uhr

Zur Ausstellung: Chris Zintzen, Kulturwissenschafter und Autor

„Natur“ in einer persönlichen und autobiografisch codierten Sammlung: Die über vier Jahrzehnte und drei Klimazonen hinweg aufgelesenen Kollektaneen der Bildhauerin Christine Johanna Ulm machen den gesellschaftlichen Wert von Kunst als Medium der Welterschließung und -ordnung sinnfällig. Kompetenz entsteht auf dem Wege des systematischen In-den-Blick-Nehmens: Phänomene ordnen sich zu Mustern. –

Der Rekurs auf autobiografisches Wahrnehmen ist dabei nur eine Geschichte: Eine andere Erzählung betrifft das leidenschaftliche Sammeln, Präparieren, Verarbeiten und Haltbarmachen von genießbaren Wildkräutern und -früchten, welches die Künstlerin und den Einleitungsredner verbindet.








 

 




 

Dienstag, 21. Mai 2024

Termin: „neue texte“-Essaypreis, 13. Juni 2024

 

Heimrad Bäcker: neue texte*. Titelblatt des ersten Hefts, November 1968. © Literaturarchiv der ÖNB, Wien. Quelle: Stifterhau/Eder

 

Verleihung der Heimrad-Bäcker-Preise 2024

 

Laudatio: Ferdinand Schmatz

Lesung Sandro Huber (Förderpreis zum Heimrad-Bäcker-Preis)

Laudatio: Erwin Uhrmann

Lesung Ilse Kilic (Heimrad-Bäcker-Preis)

Chris Zintzen („neue texte“-Essaypreis 2024), Gespräch mit Thomas Eder

 

 

„Die Heimrad-Bäcker-Preise sind somit die einzigen österreichischen Preise, die ... entschieden zur Förderung von Literatur aus dem Umfeld dessen verliehen werden, was als experimentelle Dichtung zu betrachten ist.Der neue texte–Essaypreis zeichnet herausragende Stimmen auf dem Feld der literarischen Essayistik aus.“ 

.....

*Heimrad Bäcker gehört als Verleger und Autor zu den herausragenden Erscheinungen der österreichischen Literatur nach 1945. In einer Zeit, da sich konkrete Poesie durch Anthologien (z. B. Williams 1967; Solt 1970; Gomringer 1972) und retrospektive Selbstbestimmungen zu historisieren beginnt, entsteht seine Zeitschrift neue texte und bleibt bis zum Ende ihres Bestehens (1992) eines der bedeutendsten Foren der sogenannten konkreten Poesie, die sich selbst neu zu definieren versucht. Der Kritik von außen, etwa dem Vorwurf ihrer „Sterilität“ (Friedrich 1966, Vorwort), korrespondiert zu Beginn der 1970er Jahre eine zunehmende Unbestimmtheit des Begriffs „konkret“ bei ihren eigenen Vertretern. Dem darauf folgenden Umbruch von konkreter zu visueller und konzeptioneller Poesie bieten die neuen texte ein Publikationsorgan, das neben international arrivierten auch jüngere und (damals) noch unbekannte Autoren und Autorinnen präsentiert und so die lebendige Auseinandersetzung zwischen dogmatischen, am Begriff des konkreten Texts orientierten Arbeiten und neuen, experimentellen Formen auch in der medial-formalen Darstellungsweise (Kombination von Bild-, Foto-, Textarbeiten, experimentelles Hörspiel, Dokumentation von Performances und Aktionen etc.) zeigt. – Thomas Eder: neue texte; edition neue texte. https://www.stifterhaus.at/stichwoerter/neue-texte-edition-neue-texte. 

 

 

Dienstag, 14. Mai 2024

Erschienen: "Nieder mit den Schloten und Elfenbeintürmen!"




"Wo die Elfenbeintürme dieser Welt nicht denkbar sind ohne die ihnen ursächlich vorausgehenden Fabrikschlote, wäre – wie wir heute erkennen – nur in der Schleifung beider ein Schritt in Richtung einer Rückbesinnung des Homo Sapiens auf eine weniger vernichtende Auswirkung seiner Spezies auf diesen Planeten zu erlangen."


Nieder mit den Schloten und Elfenbeintürmen! Über Literatur und Narrentum, Kitsch und Subjekt.

In: kolik. Zeitschrift für Literatur 96/2024, 103–106. 

 


Dieser Text entstand im Nachgang zu der von Ulrike Tauss und Thomas Antonic veranstalteten Lesung/Performance im Wiener Narrenturm (September 2023). 

Der Essay wird demnächst im Rahmen einer Anthologie bei Moloko Print (Berlin) erscheinen. 

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