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Mittwoch, 28. Januar 2026

Erschienen: Nieder mit den Schloten und Elfenbeintürmen! / Ich bin Bewohner*in des Narrenturms, Berlin: Moloko 2026

 

Nieder mit den Schloten und Elfenbeintürmen! Über Literatur und Narrentum, Kitsch und Subjekt. 

In: Ich bin Bewohner*in des Narrenturms, hg. v. Thomas Antonic u. Ulrike Tauss. Berlin: Moloko Print, 2026 

 

Ich bin Bewohner*in des Narrenturms, hg. v. Thomas Antonic u. Ulrike Tauss. Berlin: Moloko Print, 2026

Unter dem vielschichtig deutbaren Slogan der Handke-Modifikation „Ich bin Bewohner*in des Narrenturms“ hatten Ulrike Tauss und Thomas Antonic am 21. September 2023 insgesamt 26 Autor*innen zu einer Lesung oder Performance in den Narrenturm geladen, dorthin also, wo die pathologisch-anatomische Schausammlung des Naturhistorischen Museums Wien untergebracht ist. 

Seit ich diese Institution zuletzt im Jahr 2002 besucht habe, ist der gedrungene Bau erfreulich schonend restauriert und wohl auch manche Sammlung neu geordnet worden. Verschwunden sind jedenfalls jene offenbar (noch) nicht zu Schauzwecken arrangierten Organ- und Feuchtpräparate, die in Dutzenden neutral-ovaler Malereimer im Rund- und Verbindungsgang zwischen den Zellen abgestellt waren.

Der damals verwahrloste und kaum ausgeleuchtete Komplex, von dem sich in meinem Archiv ein paar naturgemäß unterbelichtete Schwarzweiß-Fotografien erhalten haben, wurde zu Zeiten als Inbild des „abseitigen Wien“ gehandelt, unter Berücksichtigung von Michel Foucaults Denkansätzen als Ort der „Infamen Menschen“ traktiert oder alternativ im Sinne des in Überwachen und Strafen formulierten Panoptismus wahrgenommen. [...]

Als Bildsujet zur Veranstaltung wurde der Große Turmbau zu Babel von Pieter Bruegel dem Älteren aus dem Jahr 1563 gewählt. 

Zentripetal, zentrifugal 

Der fantastische, spiralig ansteigende und nach innen sich verdichtende Bau mit den zahlreichen Fensternischen illustriert die Hybris eines totalen Projekts im Sinne einer kulturellen (oder auch individuellen) Implosion. 

Dieser unheilvoll zentripetale Vektor korrespondiert in umgekehrt proportionaler Relation mit der zentrifugal-explosiven Dynamik dessen, was biblisch-mythologisch als „Babylonische Sprachverwirrung“ überliefert ist und im Babelsprech der aneinander nicht interessierten Individualsprachen der Fall – auch der Literatur – sein kann. 

Im Unterschied aber zu Breugels atemberaubender Fantasie weist der reale Wiener Narrenturm – Josef Gerls Rundbau aus dem Jahr 1784 – ein leeres Zentrum auf, an welchen der volkssprachliche Begriff des „Guglhupf“ erinnert. Der diametrisch in das Rund des Gebäudes platzierte Einbau eines Wärter-Traktes könnte symbolisch äquivalent zur Selbstreferenz von Institutionen gesehen werden. [...]

Metapher, kalibriert 

Wir sehen die Äquivalenz des leeren Zentrums („im Mittelpunkt der Mensch“) des Wiener Narrenturms sowie des als konzentrischer Masseschluss implodierenden Bruegelschen Gebäudes und erkennen auf einen Blick die Gefahr, die gedanklich von Metaphern ausgehen kann: Wo diese nicht durch mögliche Gegenbilder in Schwebe und in einem durchdachten Equilibrium gehalten werden, stellen sich „Tendenz“ oder „Kitsch“ ein. 

Dies gilt insbesondere für die Dispositive der Schwarzen Romantik, des elegischen Ästhetizismus und für die Glorifizierung des „Abseitigen“, die nicht zufällig historisch und topologisch mit der Hypostasierung von Subjekt und Individuum im 19. Jahrhundert aufgekommen sind. 

Schlote, Elfenbeintürme, Kitsch 

Wo die Elfenbeintürme dieser Welt nicht denkbar sind ohne die ihnen ursächlich vorausgehenden Fabrikschlote, wäre – wie wir heute erkennen – nur in der Schleifung beider ein Schritt in Richtung einer Rückbesinnung des Homo sapiens auf eine weniger vernichtende Auswirkung seiner Spezies auf diesen Planeten zu erlangen.

Gerade die Psychiatrie und deren metaphorischer Hof repräsentieren als Topos des Unheimlichen in der Moderne eine gewaltige Verführung zu gedanklichem (und literarischem) Kitsch: Wer hätte angesichts der groben Einzelzellen des josephinischen Baus nicht kurz an die wohlvertrauten Schreib-Einsamkeiten gedacht und an die situativen Verzweiflungen dieser paradox einsamen und öffentlichen Existenz? [...]